Geschichte des QiGong

Ursprung und Bezeichnung


Die ältesten Zeugnisse einer QiGong-Schlangenübung sind auf einer über 5000 Jahre alten chinesischen Vase überliefert. Schamanisch verwendete Schildkrötenknochen mit Schnitzereien, die religiösen bzw. dämonischen Heilverfahren dienten und der Zeit der Shang Dynastie (1500 – 1000) v.Chr. zugeordnet werden, können als Belege für die Anfänge der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) betrachtet werden. Darüber hinaus dokumentieren Höhlenmalereien und Zeichnungen auf Seidentüchern ebenfalls eine sehr frühe gesundheitsfördernde Praxis durch Atmung, Bewegung und Energielenkung.

Erste schriftliche Erwähnungen finden sich etwa 300 v.Chr. im Buche Zhuangzi, einer Schrift aus der Zeit der Verehrung des daoistischen Heiligen Zhang Zhous, sowie in Laotses Daodejing, den beiden Hauptwerken des Daoismus in der Zeit der Zhou Dynastie 1040 - 250 v. Chr.
Durch Grabungen in den 1970er Jahren bei Changsha in der südostchinesischen Provinz Hunan wurden sensationelle Funde von Seidenmalereien sowie Aufzeichnung auf Seidenbüchern und Bambustäfelchen gemacht. Dem Grab des Mawangdui aus der Han-Dynastie (206 v. Chr. – 220 n.Chr.) wurden Informationen über Handwerk, Kultur und damalige medizinische Kunst beigelegt, die eindeutig Leibesübungen zur Gesunderhaltung zeigen.

Der Name QiGong wurde zum ersten Mal von dem Daoisten Xu Xun aus der Jin-Zeit (265–420) verwendet und bezeichnet seitdem bestimmte Übungen in der Kampfkunst. Seither spielte die Praxis dieser Übungen gleichauf immer eine bedeutende Rolle in der chinesischen Gesundheitsvorsorge, wurde aber auch für religiös-geistige Zwecke, besonders im Daoismus, Buddhismus und Konfuzianismus, eingesetzt.

Die Bezeichnung QiGong für die Gesundheitsübungen in der Medizin wurde jedoch erst in den 1950er-Jahren von dem Arzt Liu Guizhen verwendet. Er setzte in seiner Arbeit Techniken alter Tradition zur Förderung und Stabilisierung des Energiehaushaltes des menschlichen Körpers und zur Behandlung von Krankheiten ein.

Philosophische Deutung

Chinesische Philosophie

Der Begriff "Qi" hat in der chinesischen Philosophie die Bedeutung "bewegende Kraft der gesamten Welt". Diese weltanschauliche Betrachtungsweise im Rahmen der allgemeinen östlichen Philosophie stammt aus der Zeit der Zhou-Dynastie etwa 1000 v.Chr. Die chinesische Philosophie wurde vor allem durch die 3 wichtigsten Denkrichtungen der Philosophie Asiens geprägt: dem Konfuzianismus, dem Daoismus und dem Buddhismus, beeinflußt und beschrieben in dem ältesten chinesischen philosophischen Werk „Das Buch der Wandlung - Yi Jing“, 2500 v. Chr.).

Chinesische Medizin

In der chinesischen Medizin wurde QiGong schon vor 200 v. Chr. erwähnt und seither maßgeblich von dieser beeinflusst, kultiviert und zur Erhaltung der Gesundheit des Menschen weiterentwickelt.

"Qi" steht dabei für die "vitale Kraft des Körpers" und bedeutet in der chinesischen Sprache soviel wie Atem, fließende Energie und Fluidum. Bis heute spielt der Fluss von (Lebens-) Energie in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), in der QiGong eine wesentliche Komponente darstellt, eine tragende Rolle.
"Gong" dagegen bedeutet im Chinesischen "Arbeit", "Fähigkeit" oder "Können". Damit könnte man QiGong etwa mit "Stete Arbeit an der Energie" oder "Fähigkeit mit Atem und Energie umzugehen" übersetzen. Die theorethischen Grundlagen und die praktischen Verfahren der TCM sind in „Das Buch des Gelben Kaisers - Huangdi Neijing“ (200 v. Chr.) zusammengefaßt.

Folgende traditionelle, zum Teil religiöse, zum Teil medizinische Begriffe oder Konzepte können als Grundpfeiler der weltanschaulichen Betrachtungsweise und damit der chinesischen Kultur aufgefasst werden.

Die Fünf Elemente und Yin und Yang

Das ist die Vorstellung, dass Natur, Mensch, Erde, Himmel und der Weg, d.h. der Lauf oder das Geschehen der Dinge im Einklang mit dem All als Voraussetzung für ein glückliches Leben stehen.

Die Harmonie von Himmel, Erde und Mensch

Die fünf Elemente Holz, Feuer, Metall, Wasser und Erde werden als Kräfte der Natur mit folgender Bedeutung verbunden:

  • Holz: das organisch von innen sich steigend Gestaltende,
  • Feuer: das entzündet Sinkende,
  • Metall: das nach außen Gestaltende,
  • Wasser: das nach unten Lösende,
  • Erde: der Boden, das Gleichgewicht der Mitte.

Die Lehre von den fünf Elementen wurde später mit der Yin-Yang-Lehre verknüpft. Unter dem Einfluss der beiden dualistischen wie verbindenden Prinzipien Yin und Yang werden die vormals rein substanziellen Elemente zu bedeutungstragenden Konzepten. Yin und Yang als die gegensätzlichen Prinzipien des Universums bekämpfen sich nicht, sondern hängen voneineander ab und ergänzen sich. Sie bringen durch ihr Zusammenwirken alle Erscheinungen des Kosmos hervor (vgl. Einflüsse des Daoismus).

Das höchste Weltprinzip

Das höchste Prinzip wird im chinesischen Denken durch drei verschiedene Begriffe ausgedrückt.

Shangdi - "Der höchste Ahn"

Der Gott im Himmel, der Urheber von allem, was geschieht, ist; selbst aber untätig bleibt. Alle für sich betrachteten Einzelerscheinungen der Welt fügt er zu einem geordneten Ganzen in Natur, Sittlichkeit und Ritual. Durch Ablösung der Shang- von der Zhou-Dynastie wurde Shangdi durch die Gottheit der Zhou, den Himmel, ersetzt.

Tian - "Der Himmel"

Der Himmel ersetzt in der Zhou-Dynastie den ursprünglichen Gott Shangdi. Er bringt mit seiner ihm nachgeordneten "Gattin", der Erde, alles Vorhandene hervor. Dabei wirkt er stumm, ohne Geräusche und ohne jede Spur zu hinterlassen.

Dao - "Der Weg"

Neben der Bedeutung für den „sinnvollen“ Weg, der zum Ziel führt, die Ordnung und das Gesetz, das in allem wirkt, ist vor allem der Weg der Gestirne am Himmel gemeint. Das Dao wurde im Daodejing (Gründungsschrift des Daoismus) auch als höchstes Prinzip dargestellt und wird als etwas Substantielles, wenn auch Unsichtbares, verstanden. Manchmal wird es als Urstoff, aus dem alles geworden ist, bezeichnet.


Die philosophische Deutung des Begriffes Qi findet unübersehbar ihren Ausdruck bei der Benennung der einzelnen Körperübungen und bildet damit das Fundament des nicht unerheblichen bewußtseinsbildenden Aspektes im QiGong.
Es existieren bis heute die unterschiedlichsten Stilarten des QiGong, die einer weiteren Entwicklung unterliegen. Obwohl die Entwicklung des QiGong Veränderungen in Inhalten und Zielsetzungen zeigt, basieren doch alle auf den Jahrtausende alten Traditionen.

Einflüsse und Entwicklung


Die wichtigsten Einflüsse bei der Entwicklung des QiGong kommen aus dem Daoismus, dem Buddhismus, den Kampfkünsten und der Traditionellen Chinesischen Medizin.

Einflüsse des Daoismus

Die philosophische Schrift Daodejing (ca. 400 v.Chr.), die diese Strömung begründet, beschreibt mit dem Dao nicht nur „den rechten Weg“ über Tugenden, die ein Mensch idealerweise besitzt, sondern umfasst sehr viel weitergehende, begründende philosophische Aspekte. Dao ist die Mutter des Kosmos, der allumfassende Geist, der alles Existierende, aber auch alles nicht Existierende, einschließt. Es erschafft die Idee und die schöpfende Kraft, den Ursprung und die Veränderung der Welt. Im Dao sind alle stoffliche Materie sowie die immanente (darin bleibende) und transzendente (übersteigende) Existenz aller Handlungen und Energien enthalten.

Das Dao als umfassendes Weltprinzip schließt die Entstehung des dualistischen und korrelierenden Konzeptes von Yin und Yang ein und schlägt mit dem gleichbedeutenden Begriff Taiji die Brücke zur bekannten Kampfform, die dem QiGong verwandt ist.

Der Huang-Lao-Daoismus, der sich etwa im 3. Jahrhundert v. Chr. verbreitete, berief sich auf die medizinischen Lehren des Huáng Di (einer der mythischen Kaiser 2500 v.Chr.), die sich mit den Lehren Laozis (Urheber des Daodejing) vermischten. So wurde im Daoismus ein wissenschaftlicher Bezug zur Erhaltung des Körpers hergestellt. In dieser Zeit verbreitete sich die Überzeugung, durch bestimmte QiGong-Techniken körperliche Unsterblichkeit zu erlangen. Diese ideale Vorstellung, den Tod durch die Regeln des Dao zu überwinden, passte vorzüglich zu denen, die dem Universum zum perfekten Funktionieren und ewiger Beständigkeit verhalf. Das Buch Daodejing empfiehlt ein Leben in Einfachheit und die Pflege des Qi.


Alchemie - Yangsheng / Yangshen

Im Daoismus spielt die Alchemie unter den Techniken zur Lebensverlängerung eine wichtige Rolle. Die äußere Alchemie (waidan) beschäftigt sich mit der Herstellung eines lebensverlängernden Elixiers. Im Gegensatz dazu ist die innere Alchemie (neidan) eine Erleuchtungstechnik, die durch meditative Übungen, u. a. auch Atem- und Bewegungsübungen, geistige Unsterblichkeit herbeiführen soll.

So fasst der Begriff Yangsheng (den Körper nähren) Möglichkeiten der Lebensverlängerung, Verjüngung und Erhalt der Gesundheit zusammen. Die Bezeichnung Yangshen (den Geist nähren) bezieht sich eher auf die meditativen Methoden, die in der Alchemie als eine Transformation des Bewusstseins verstanden wird.

Das Tai Yi Jin Hua Zong Zhi gilt als eine der höchsten Schulen dieses alchemistischen QiGong und geht auf daositische Quellen von ca. 140 n. Chr. zurück. In späteren Ausführungen schlägt sich der buddhistische Einfluss deutlich in den Übungen nieder (Chan-Buddhismus). Dieses QiGong ist rein meditativ, beginnt mit dem Lenken und Führen des Atems – es werden keine körperlichen Übungen durchgeführt. Im sich entwickelnden Mönchswesen ab dem 12. Jhd. wurde diese Technik vor allem in Klöstern als Yangshen QiGong gepflegt. Zwischen 500 und 900 n.Chr., der Blütezeit des Buddhismus und Daoismus in China, konnten sich Yangsheng und Yangshen (die Lehren Körper als auch Geist zu stärken) in einem gemeinsam anerkannten Konzept der Medizin verbinden.

Einflüsse des Buddhismus

Aus buddhistischer Tradition sind Übungen bekannt, die der Reinigung des Körpers dienen sollen und aus dem Yoga stammen. Vorrangig jedoch wurden eher meditative Techniken kultiviert, die der Erlangung der Erleuchtung dienten, oftmals aber auf daoistische Wurzeln zurückgingen. Der Begriff Qi in chinesisch-buddhistischen Texten wird dagegen eher im medizinischen Sinne mit der Vorstellung von Kanälen oder Leitbahnen im menschlichen Körper verbunden. Die Dantian (Energiezentren) im Daoismus können mit den Chakren in der indischen Tradition verglichen werden.

In der Frühzeit des chinesischen Buddhismus verbreiteten sich vor allem die Schriften der buddhistischen dhyana-(= Meditations-) Übungen. Sie enthielten Atem-, Konzentrations- und Meditationstechniken. Dort findet sich auch eine relative Begriffsnähe der Konzepte Prana und Qi. Prana wie auch Qi wird gleichgesetzt mit Atem, Atmung, Leben, Vitalität, Wind, Energie oder Kraft und ist ebenfalls der Menschenseele sinnverwandt. Die Vorstellungen einer universellen als auch einer individuellen Kraft werden darin vereint. Andererseits dauerte der Prozess der Aufnahme des buddhistischen Gedankengutes aufgrund der Gegensätze zu den chinesischen Idealen aus konfuzianischem und daoistischem Denken einige Jahrhunderte.

Der buddhistische Mönch Da Mo (Bodhidharma) kam um 500 nach China und meditierte 9 Jahre lang in einem Shaolin-Kloster, nachdem er vom kaiserlichen Hof zurückgewiesen wurde. Danach gab er anderen Mönchen in der Methode Yi Jin Jing (Umwandlung der Muskulatur) Unterricht, um ihre Körper zu stärken und den Geist wach zu halten. Ebenso wie Yi Jin Jing wurde die Technik des Xi Sui Jing (Knochenmark-Waschen) in die Grundlagen der chinesischen Kampfkünste des Shaolin Qan (Gongfu) integriert.

Einflüsse der Kampfkünste

Obwohl sich der Zugang der buddhistischen Shaolin-Techniken zu anderen Kampfkunst-Schulen zögerlich gestaltete, gelangten die Shaolin-Mönche von 600 an (Tang-Dynastie) bis ins Mittelalter (Ming-Dynastie 1368-1644) zu enormem Ansehen. Mithin stellte das Shaolin-Kloster eine etwa 2500 Mann starke Armee exzellent in ihrer Technik ausgebildeter und dem entsprechend wehrhafter Shaolin-Kampfkrieger.

Die Yi Jin Jing Methode besteht vorwiegend aus wechselndem Anspannen und Entspannen einzelner Muskelpartien. Das Blut und Qi wird in der beteiligten Region gesammelt und langsam verteilt. Das Training der hervorragend ausgebildeten Kampfmönche kann täglich bis zu 16 Stunden dauern. Aus diesem Training für eine hohe Kampfbereitschaft wurden Praktiken, die sich für die allgemeine Gesundheitsvorsorge eigneten, wie das Eisenhemd-QiGong, in die Yangsheng-Tradition übernommen.

Obwohl man darüber streiten könnte, wieweit der Qi-Begriff gefasst werden kann und welche Kampftechniken sich mit QiGong zur Deckung bringen lassen, ist eines nicht abzustreiten: der Erfolg manueller Kampfkünste wie die der Shaolin setzt höchste körperliche und geistige Fitness voraus, die sich ähnlich wie bei einem dynamischen Tanz zu einem perfekten kraftvollen und bewussten Ganzen verbinden. Unter diesem Betrachtungswinkel fließender körperlicher Fitness und geistig-meditativer Stärke werden die buddhistischen Shaolin-Techniken der Definition von QiGong durchaus gerecht.

Einflüsse der Neuzeit

Erst nach der Kulturrevolution in der VR China (1966 – 1976) erlebte die Kunst des QiGong langsam eine Renaissance. Erst seit dieser Zeit wird QiGong in China wieder öffentlich verbreitet, staatlich gefördert und die Wirkung des Qi wissenschaftlich untersucht.

Derzeit ist eine Epoche des Experimentierens angebrochen, in der Techniken unterschiedlicher Herkunft ausprobiert, vermischt und in alt überlieferte Übungen integriert werden. Im Zuge der Einführung von Traditioneller Chinesischer Medizin und verschiedenen östlichen Meditations- und Entspannungstechniken hat QiGong im Westen einen festen Platz unter den der Gesundheit dienlichen anerkannten Heilmethoden gefunden.